WWWW vom 31.8.2008? Machen Computerspiele süchtig?

Wer anders als Monica Mayer, Psychologin und Doktorandin, kann dazu mehr sagen, beschäftigt sie sich doch in ihrer Doktorarbeit genau mit diesem Thema.

Was ist denn überhaupt Sucht nach Computerspielen? Wie definiert sich Abhängigkeit? Warum flüchten sich Menschen in virtuelle Welten?

Antworten gibt es im Podcast und im Weblog von Monica Mayer

Transkript:

THOMAS: Hallo und herzlich willkommen bei Wanhoffs wunderbarer Welt der Wissenschaft. Heute wieder am Telefon Monica Mayer, die fleißig an ihrer Dissertation arbeitet und mit der mich heute unterhalte über Sucht und Abhängigkeit bei Computerspielen. Hallo Monica.

MONICA: Hallo Thomas.

THOMAS: Sucht und Abhängigkeit – Wie ist das denn bei Computerspielen? Kann man denn wirklich süchtig werden von Computerspielen, so wie man das von Alkohol wird oder von Koks?

MONICA: Der Mechanismus ist prinzipiell erst mal insofern ein Anderer, weil da kein Stoff eingebunden ist. Also die Computerspielabhängigkeit wird niemals eine stoffgebundene Abhängigkeit sein. Es ist aber schon so, dass bestimmte Mechanismen, also eher psychische Mechanismen entstehen, die durchaus auch eine Abhängigkeit begründen können. Also Sucht würde ich eher sagen, nein, aber ich glaub schon, dass eine Abhängigkeit gegeben sein kann.

THOMAS: Okay. Ich hab mich ein bisschen schlau gemacht in ein paar Texten, die du mir gegeben hast und hab tatsächlich herausgefunden, dass medizinisch gesehen man bei der Sucht immer davon spricht, dass da ein Stoff vorhanden ist, also eben Kokain oder irgend so was, während die Abhängigkeit dann in der Tat ja psychischer Art eher ist, richtig?

MONICA: Genau, wobei das schon so ist, dass da auch große Diskussionen sind. Also es gibt zum Beispiel ganz groß jetzt in den letzten Wochen im Gespräch war die Kaufsucht, weil auch die Uni Erlangen eine Therapieform entwickelt hat gegen diese Sucht und es ist schon eine Krankheit. Also es gibt, glaub ich, schon auch so Fälle, in denen es wirklich krankhaft ist und auch wirklich behandelt werden muss. Also ich will das Eine nicht sagen, dass es weniger schlimm ist als das Andere aber von dem Begriff her würde man schon differenzieren.

THOMAS: Okay. Wir haben uns ja schon mal unterhalten über das Thema. Da ging’s einmal um die verschiedenen Typen, Spielertypen, dann haben wir uns über so Grundstrukturen unterhalten, da ging’s auch um Gewalt in Computerspielen und jetzt geht’s eben mal um Sucht und Abhängigkeit. Was sind das denn für Menschen, die vielleicht gefährdet sind, dass sie süchtig werden oder sagen wir in dem Fall abhängig werden?

MONICA: Also ich bezeichne die Abhängigkeit gerne als eine Standardlösung für ein Problem. Also wenn man ein Problem hat, womit man regelmäßig konfrontiert ist, dann entwickelt man so Lösungen, die man bevorzugt dafür verwendet. Beispielsweise wenn du Hunger hast und du kriegst raus, dass es bestimmte Dinge gibt, die deinen Hunger in einer besonders guten Form, sozusagen befriedigen können, dann tendierst du dazu, praktisch dieses Verhalten immer zu wiederholen. Also eine Abhängigkeit ist für mich auch erstmal ein sinnvoll etabliertes Verhalten. Also ich möchte, es wird dann problematisch, wenn es praktisch so zum Selbstzweck wird und das ist, glaube ich, die Schwierigkeit. Bei Computerspielen ist es so, dass man bestimmte Bedürfnisse, glaube ich, in einer besonders guten Form befriedigen kann. Wenn wir uns noch mal an diese Typen, die du gerade angesprochen hast, erinnern, wir hatten ja zum Beispiel diesen Explorer…

THOMAS: Hmhm

MONICA: .. und der Explorer ist ein Mensch, der Sachen erkunden will. Jetzt leben wir beispielsweise in einer Welt, wo praktisch alles bekannt ist. Also es gibt relativ wenige Möglichkeiten, wirklich irgendwie neue Dinge rauszufinden. Es gibt Felder, zum Beispiel wenn man forscht, dann kann man Dinge raus finden. Oder es gibt so Hobbys wie zum Beispiel diese Mapper, die mit dem GPS unterwegs sind und irgendwelche Karten aufzeichnen in Open Source oder so. Das sind Möglichkeiten noch in einer Welt, die eigentlich schon extrem bekannt ist, immer noch neue Dinger rauszufinden. Aber für den normalen Mensch so, der irgendwie – keine Ahnung – arbeitet und am Wochenende auch mal zuhause ist oder so was, ist die Welt relativ langweilig, also es gibt relativ wenig Neues. Und dann kann es schon sein, dass Computerspiele eben eine Möglichkeit darstellen, Sachen zu erkunden, wofür man in seinem wirklichen Leben gar keine Gelegenheit mehr hat. Das heißt praktisch, dass ein Bedürfnis, das der Mensch hat und das er in seinem wirklichen Leben nicht befriedigen kann, dass er das im Spiel kann. Und ich glaub, dass ist auch die Grundlage von dieser Gefahrensituation, also wenn Menschen Bedürfnisse haben, die sie in der virtuellen Welt besser befriedigen können, als in der wirklichen Welt. Ich glaub, da haben wir eine Gefahrensituation. Ich glaub, da können Abhängigkeiten entstehen.

THOMAS: Das ist jetzt lustig. Ich habe vor ungefähr einer halben Stunde einen Blog-Eintrag geschrieben in meinem privaten Web-Blog, weil ich jetzt ein Jahr in Asien bin und hab geschrieben, ein Grund nach Asien zu gehen war, dass man hier noch Herausforderungen hat und Neues erkundet und vor Problemen steht, die man meistern muss, was eben in Deutschland in einem Alltag überhaupt nicht mehr so vorhanden ist. Da ist man sicher und da gibt’s nicht mehr so viele Probleme und Herausforderungen. Da finde ich ganz interessant, weil das wird wahrscheinlich dann für andere eben – es kann ja nicht jeder auswandern – ein Grund ist, dann sich in bestimmte Welten zu flüchten. Ist es eine Flucht dann?

MONICA: Ich glaube, es gibt verschiedene Formen, wie das sein. Also wenn man es nur noch so macht, also wenn man es vollkommen aufgibt in der wirklichen Welt auch nach den gleichen Herausforderungen zu suchen, dann ist es, glaube ich, eine Flucht. Also zum Beispiel, ich hab jetzt in meiner Untersuchung Leute gehabt, also Interview-Partner gehabt, die mir sagen, ich hab zwar einen großen Freundeskreis im wirklichen Leben, aber ich spiele viel lieber. Das heißt, sie vernachlässigen ihre tatsächlichen Freunde, um mit virtuellen Freunden zusammen zu sein. Und dann denke ich mir, okay, was gibt es da für ein Problem? Also warum bevorzugen die Leute etwas Irreales gegenüber etwas Realem. Also wenn man etwas Reales nicht hat und dann sich was Virtuelles sucht, ist es glaube ich was anderes als wenn das Reale zur Verfügung stünde, man aber trotzdem in die virtuelle Welt geht.

THOMAS: Ich hab was Interessantes gefunden in einem deiner Papiere. Da geht’s um einen Wissenschaftler namens – heißt der Turkle oder Turkle?

MONICA: Turkle. Ja.

THOMAS: Und ..

MONICA: Turkle.

THOMAS: … und der gesagt hat, was macht die 80-Stunden-Woche eines Investment-Bankers zu etwas, worauf ein Vater Stolz sein kann, während die 80-Stunden, die eine Versuchsperson pro Woche mit dem Aufbau und der Verwaltung eines Multi-User-Dungeons verbringt, die Befürchtungen auslösen, er könnte süchtig sein. Arbeitssucht ist ja dann vielleicht auch irgend so was. Ist das eine gesellschaftliche Komponente noch dabei?

MONICA: Da ist eine ganz starke gesellschaftliche Komponente dabei und zwar haben wir eine Gesellschaft, in der eben das Produktive das Wichtige ist. Das heißt, alles was irgendeinen Wert schafft, wird als positiv angesehen. Deswegen ist es auch mit der Kaufsucht eine ganz, ganz komplizierte Angelegenheit, weil der Konsum an sich ja in unserer Gesellschaft gefördert wird. Also der Mensch soll kaufen, Entschuldigung, oder soll möglichst viel kaufen. Und deswegen ist es schwierig dann zu unterscheiden, okay, ab welchem Moment ist dieses Kaufen, was man ja soll, zu etwas geworden, was man nicht mehr soll. Also diese Unterscheidung zwischen dem gewollten, gewünschten von der Gesellschaft und dem, was schon krankhaft geworden ist, was zum Selbstzweck geworden ist, ist sehr schwierig zu treffen, glaube ich. Das ist auch genau dieser gesellschaftliche Aspekt, den, den Turkle da darstellt. Was wird gewünscht und was wird nicht gewünscht. Also welche Verhalten werden eben als krankhaft definiert und welche nicht? Das ist bei Essstörungen genau das Gleiche. Also es wird gewünscht, das gerade junge Frauen irgendwie einen BMI von unter 20 also so 18 bis 20, das wird eben als das Schöne dargestellt in allen Medien und wenn die Mädels sich dann was abhungern, dann ist es irgendwann krankhaft, aber das wird noch relativ lange gefördert also und erst sehr, sehr spät als Krankheit erkannt. Das ist, glaube ich, eine starke gesellschaftliche Komponente, die dabei ist.

THOMAS: Ich hab gesehen und es ist ja Konsens, dass Glücksspiel eigentlich mittlerweile eine anerkannte Krankheit ist, aber ja in die gleiche Richtung geht. Da gibt’s ja auch nicht um, .geht’s … oder um Glücksspielsucht, um einen, um einen Stoff den man hat, sondern das ist ja eine ähnliche Komponente. Vielleicht noch sehr viel stärker, weil dieser Kick des Gewinnens dabei ist. Warum tut man sich vielleicht mit Computerspielen so schwer. Auf der einen Seite tut man sich ja einfach, wenn’s um Gewalt geht. Dann sind die immer gleich die Gewaltauslöser, für jeden, der mal irgendeine Gewalttat begannen hat und bei solchen Themen ist es dann vielleicht etwas schwieriger, wenn man versucht es als Krankzeit zu sehen. Ist dem so?

MONICA: Ich glaube, genau weil diese Unterscheidung zwischen Hobby, also zwischen dem was Spaß macht und dem was schon krankhaft geworden ist, dass diese Linie sehr fließend ist. Also zum Beispiel jemand der krank ist und pausenlos spielt und sich dadurch besser fühlt, spielt vielleicht sogar in einem größeren Umfang, das es ist aber trotzdem nicht krankhaft, sondern es ist eher gesund, also weil er sich damit etwas Gutes tut, was in seiner Möglichkeit drin ist. Also ich hatte auch einen von meinen Interview-Partner, der sagte, nach seinen .., also der hatte eine Operation, und nach der Operation war er eben ans Bett gefesselt und konnte nichts machen im Grunde genommen und er hat gespielt, weil ihm das gut tat, weil es das Einzige war, was er tun konnte und das hat ihm eben eine gewisse Befriedigung verschafft. Er hatte das Gefühl, er kann immerhin irgendwas. Und er sagt, dass ihm dieses Verhalten, also das, das Spielen ihn gestärkt hat und er sich dann besser in der Lage fühlte, mit dieser Krankheit umzugehen. Das heißt, es kann einen positiven Aspekt haben, aber zum Beispiel jemand anders, der seine Arbeit vernachlässigt, also der nicht mehr arbeiten geht, sich krankschreibt oder der die Schule schwänzt um zu Hause zu sein und zu spielen, der zerstört eher etwas, das für seine Zukunft sinnvoll wäre. Das Verhalten ist das Gleiche, die Menge vielleicht das Gleiche, aber das Ergebnis ist eben vollkommen unterschiedlich und deswegen ist es glaube ich so schwierig, diese Kriterien zu treffen, nach denen man sagen könnte, okay, das ist eine Krankheit. Zum Beispiel wenn ein, ein Familienvater, der wirklich arbeiten geht den ganzen Tag abends nach Hause kommt, der spielt vielleicht nur zwei Stunden, aber diese zwei Stunden sind die einzigen zwei Stunden, die er hätte um mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen zu sein, das ist dann glaube ich vielleicht sehr viel schlimmer, als ein Student meinetwegen, der jeden Tag sechs Stunden spielt, was ihn aber in seinem normalen Leben nicht beeinträchtigt. Also das sind so viele Komponenten, die man dann berücksichtigen müsste um zu sagen, okay das ist krankhaft oder das ist nicht krankhaft, das vielleicht sogar positiv, das ist vielleicht sogar gesund, das ist schwierig ist, glaube ich, auseinander zu halten. Und man muss auch sagen, sowohl die Alkohol-Abhängigkeit als auch die Glücksspiel-Abhängigkeit sind noch sehr, sehr kurz, also sehr neue Krankheiten eigentlich. Sind beide noch nicht lange anerkannt und Computerspiele sind einfach ein so neues Phänomen, dass das vielleicht irgendwann auch noch kommt, also das es einfach vielleicht noch zu früh ist.

THOMAS: Bei einem Alkoholiker sagt man ja, wenn der einmal Alkoholiker war, selbst wenn er trocken ist, bleibt er Alkoholiker, um damit auszudrücken, dass er dadurch immer gefährdet bleibt. Wie ist es denn so mit der persönlichen Zusammensetzung oder Determinierung eines Menschen? Gibt es Leute, die einfach suchtanfällig sind oder abhängigkeitsanfällig sind und davon dann vielleicht gar nicht mehr wegkommen?

MONICA: Da wiederum würde ich gerne zwei Sachen differenzieren. Beim Alkohol, was passiert, ist eine tatsächliche körperliche Veränderung. Bei den Computerspielen ist, glaube ich, die Bedürfnisstruktur das wichtigere. Also dass man sagt, wie ist der Mensch gestrickt. Ich glaube schon, dass wenn der Mensch im wirklichen Leben Aufgaben oder Lebensbereiche finden kann, in denen er genauso seine Bedürfnisse befriedigen kann, dass er dann wirklich das Spielen in einem normalen Maß auch halten kann, selbst wenn er früher mal abhängig war. Ich geb’ mal ein Beispiel, zum Beispiel ein Jugendlicher, sagen wir mal ein Sechzehnjähriger, der in unserer Gesellschaft ja sehr wenig kann und …, nicht sehr wenig kann, entschuldige, sehr wenig darf, er hätte die Fähigkeiten, hat aber die Möglichkeiten nicht. Er darf nicht Autofahren, er hat keine Familie zu versorgen, er geht zur Schule, er wird mehr oder weniger so als Kind gehalten. Das heißt, er hat die Möglichkeit, seine Fähigkeiten auszuleben, nicht. Wo wird er diese Möglichkeit finden? Im digitalen Spielen. Da kann er sich ausleben. Da kann er beweisen, wie gut er ist. Er kann im Wettbewerb antreten gegen andere Leute und so weiter. Also er wird das, was für ihn wichtig ist, dort befriedigen können. Also jetzt ist er meinetwegen 18, zieht von zu Hause aus, verdient sein eigenes Geld, hat eine Freundin, hat ein Auto, er hat einfach ein eigenständiges Leben und dieses Leben bietet ihm viel mehr die Möglichkeit sich zu beweisen, als die Computerspiele. Also braucht er die Computerspiele nicht mehr. Vielleicht wird er sie gelegentlich noch nutzen um einfach zu entspannen, aber er wird sie nicht mehr brauchen. Und ich glaub, dieses “brauchen” ist der Schlüssel bei der Abhängigkeit. Wenn ich Bedürfnisse habe, die ich nicht befriedigen kann, dann “brauche” ich die Spiele. Und ich glaub, das ist das, was sich eben verändern muss, damit ein Mensch wirklich vollkommen davon los kommt.

THOMAS: Ich glaube, das ist ja auch eine Frage, die wir bei der Gewalt schon hatten. Was ist eigentlich der Auslöser? Also werden Jugendliche computerspielabhängig, weil es die Computerspiele gibt oder liegt es eben daran, dass sie keine andere Möglichkeit haben, etwas zu tun und sich vielleicht deshalb in diese Welten flüchten. Und bei der Gewalt kann es ja auch sein, dass sie vielleicht nie gelernt haben, mit Gewalt umzugehen. Und bisweilen ja auch Computerspiele Aggressionen einfach abbauen können. Also es ist bei der Abhängigkeit vielleicht so, dass nicht die Computerspiele an sich abhängig machen, sondern die Situation, in der sich der Spieler befindet, eine ist, die er ja gewollt herbeiführt und ob das jetzt Computerspiele sind oder Glücksspiele oder vielleicht Einkaufen, das sind nur verschiedene Ausprägungen, der gleichen Wünsche?

MONICA: Ja, das schon. Das gefährliche ist, glaube ich, dieser Teufelskreis, also wenn man zum Beispiel spielt und wegen des Spiels die richtigen Freunde vernachlässigt. Und dann wollen die mit einem praktisch.., also die rufen ständig an und sagen “Komm, wir machen was, und so” und dann sagt jemand “Nee, kann nicht. Ich hab Raid” und so weiter und so fort und irgendwann rufen die nicht mehr an. Weil niemand mehr anruft und sich um mich kümmert, dann spiele ich immer mehr und weil ich immer mehr spiele, vernachlässige ich wieder … Also verstehst du. So ein Teufelskreis entsteht.

THOMAS: Klar

MONICA: Also es gibt, glaube ich, ganz viele Aspekte, wie so was entstehen kann. Und das ist, glaube ich, das wirklich Gefährliche, das man sich dann wirklich da hinein stürzt und praktisch außen rum auch nichts mehr hat, was einen rausholen würde.

THOMAS: Ja. Also wobei die Frage halt für mich jetzt war, was ist der Ursprung? Also lernt jemand, was weiß ich, der sieht im Kaufhaus ein Spiel und guckt sich das an und geht immer mehr in die Welt. Das kann ja eine Sache sein. Oder die andere ist, dass er sozial vielleicht so isoliert ist, dass er nach etwas sucht, wo er sich sozial anders betätigen kann. Und das kann eben gerade eben ein Rollenspiel ja ganz gut sein.

MONICA: Ja. Kann ich nur ja sagen. Also das passiert eigentlich ganz oft.

THOMAS: Es gibt verschiedene Wege denke ich mal …

MONICA: Ja

THOMAS: … in so eine Abhängigkeit, ja vielleicht auch reinzurutschen. Wie kommt man da raus?

MONICA: Ich glaub … Das ist unterschiedlich. Da haben wir auch schon, beim Letzten mal eben, über diese Typen gesprochen und diese Typen, der Explorer, der Archiever, der Socializer und der Killer sind glaube ich, einfach nur ein Ausdruck von bestimmten Bedürfnisstrukturen. Also die Form, wie ich ein Spiel spiele, ist die Form, die ich finde, um die Bedürfnisse eben, die ich habe zu befriedigen. Und ich glaube, diese Typen, haben unterschiedliche Arten, sich auch von dem Spiel zu lösen.
Also ich hab zum Beispiel festgestellt, dass für die Explorer, die bei mir in der Untersuchung waren, dass die zum Beispiel Hobbys haben, die genau das Gleiche Explorierverhalten wieder haben, im wirklichen Leben also zum Beispiel so Fotografieren ist etwas, was Explorer irgendwie zu fesseln scheint. Oder Programmieren ist auch etwas, was die meisten von ihnen machen oder zum Beispiel so Sammeln von Tieren. Also diese Biologen, die man so kennt, als Kinder, die irgendwo durch die Gegend laufen und irgendwelche Tiere versuchen …, eine vollständige Sammlung von irgendwas zu bekommen und dann die Dinge miteinander vergleichen und so. Das Gleiche Bedürfnis muss in der wirklichen Welt zur Befriedigung kommen. Das ist eben beim Explorer, ist es eben dieses Erkundungsverhalten, wenn sie das Geld hätten oder wenn’s eben möglich wäre, dann wäre vielleicht auch das Rumreisen eine gute Alternative. Also irgendwas, was sie erkunden können.
Die Archiever tendieren …, die brauchen jetzt Ziele, die wollen irgendwelche Ziele erreichen, und da sind zum Beispiel Wettbewerbe, egal auf welcher Ebene, eine super Herausforderung für sie. Sport wäre natürlich das Ideale, dass man sagt, okay du trittst in direkten Wettbewerb zu anderen Leuten auf, aber es gibt ja viele Leute, die so was nicht können, weil sie zum Beispiel körperlich nicht so fit sind. Dann können sie sich einfach andere Ziele setzen. Also man wird auch Archiever finden in seinem Hundeverein oder in der Hundeschule. Das sind diejenigen, die die besttrainiertesten Hunde haben. Also die brauchen irgendeinen Scan, also sie müssen die Besten in irgendwas sein, egal in was. Und diese Herausforderung müssen sie eben suchen und finden können.
Die Socializer haben eben diesen ganz starken gesellschaftlichen Aspekt. Also wenn ein Socializer wegen der Leute spielt, ist es relativ einfach zum Beispiel ihn für ehrenamtliches Engagement zu kriegen. Das man sagst, okay du brauchst Gesellschaft, du brauchst Ansehen, du brauchst Austausch, wo könnte man das in der wirklichen Welt schaffen? Kannst du vielleicht im Altersheim aushelfen? Kannst du da irgendwelchen Leuten helfen? Oder kannst du … Also irgendwas Gesellschaftliches, wo er auch so ein bisschen Anerkennung und Austausch hat und mit Leuten eben zusammen ist oder auch so Interessensgemeinschaften, also dass man in Vereine rein geht oder dass man einfach diesen Austausch fördert.
Und die Killer, da hatten wir auch drüber gesprochen, die haben die gleiche Bedürfnisstruktur wie die Socializer, haben aber nicht so viel Erfolg darin, diese Bedürfnisse zu befriedigen, insbesondere die Affilation und für die wär’s dann besonders relevant, dass sie in eine Stellung reinkommen, wo ihnen etwas zugetraut wird. Also ich finde das zum Beispiel eine Pfadfindergruppe, also wo wirklich eine ganze Gruppe von Kindern einem einzelnen Menschen sozusagen unterstellt ist, also wo er Ansehen genießen kann, wo alle zu ihm aufschauen und wo wirklich eine Gruppe das Vertrauen in ihn hat, dass er etwas kann. Das ist, glaube ich für den Killer besonders anziehend. Also ich glaube, dass Killer wirklich zum Beispiel in eine Jugendgruppe, also in der Leitung von einer Jugendgruppe oder wenn sie jünger sind auch noch in diesem Hilfeverhalten gegenüber Älteren, gegenüber Jüngeren, gegenüber Tieren, dass sie da sehr gut untergebracht wären. Aber ..

THOMAS: Jetzt ..

MONICA: .. aber das ist eben von Mensch zu Mensch unterschiedlich, im Grunde genommen.

THOMAS: Jetzt müssen wir noch ganz kurz sagen, dass die Killer natürlich keine Killer sind, sondern dass das symbolisch gemeint ist als Spielertyp, für die, die jetzt die erste Sendung nicht gehört haben, also es geht nicht darum, …

MONICA: Genau

THOMAS: … um Leute, die im realen Leben killen, die wollen wir nicht einer Jugendgruppe geben.

MONICA: Nein

THOMAS: Gibt es denn einen dieser Typen oder ist denn einer dieser Typen mehr vielleicht gefährdet, abhängig zu werden? Ist es vielleicht der Killer, weil es für ihn am Schwierigsten ist, raus zu kommen oder Ersatzbefriedigung zu finden?

MONICA: Das kann man, glaube ich, so pauschal nicht sagen. Das hängt wirklich von Mensch zu Mensch ab, in welcher Umgebung er drin ist. Zum Beispiel, wenn ein Mensch, der zum Explorer tendiert von seiner Bedürfnisstruktur her, in einer Umwelt ist, die ihn fördert, wo er wirklich die Möglichkeit hat diesen Erkundungsdrang auszuleben, ist der absolut nicht gefährdet. Aber der Killer in der gleichen Situation wäre zum Beispiel sehr gefährdet, weil er mit dieser Förderung, die er bekommt, nichts anfangen kann. Er bräuchte eine ganz andere Art von Förderung. Das heißt, es hängt wirklich damit zusammen, wie gut der Mensch in seiner Umgebung oder in seinem wirklichen Leben seine Bedürfnisse befriedigen kann. Und das ist von Mensch zu Mensch und von Umgebung zu Umgebung unterschiedlich. Das kann man wirklich nicht pauschalieren, glaube ich.

THOMAS: Okay. Vielleicht zum Schluss noch mal so ein paar Beispiele, woran man vielleicht merken kann, dass man selbst gerade so in Richtung Abhängigkeit driftet oder woran auch Eltern merken können, vielleicht, dass ihre Kinder in die Abhängigkeit gehen oder der Kollege vielleicht sagt, so, mein anderer Kollege, der sieht morgens so was von übernächtigt aus, ich glaub, der spielt nachts. Was gibt’s da so für Anzeichen, bei denen man sagen kann, okay, das ist ein Grund mal ein bisschen nachzudenken oder vielleicht sich Hilfe zu suchen.

MONICA: Also es gibt ein paar Kriterien, die eben verwendet werden. Das sind meistens äußere Kriterien, um zu sagen, dass eine Abhängigkeit besteht. Also das Eine ist zum Beispiel ein starker Wunsch oder ein überwältigender Drang zu spielen. Also wenn ich, auch wenn der Computer aus ist, nur daran denken kann oder abends im Bett liege und mir überlege, wie geht das Spiel jetzt weiter. Das ist vielleicht etwas, wenn man merkt, dass es einfach die Überhand nimmt, also dass man sich schlecht auf andere Sachen auch konzentrieren kann, sollte man auf jeden Fall mal so ein bisschen acht geben. Also die Gedanken weilen dann eben periodisch oder kontinuierlich beim Spiel. Ein anderer Aspekt ist natürlich die exzessive Spielintensität, wobei das eben sehr schwierig zu quantifizieren ist. Also es gibt Menschen, die vertragen das Spiel sehr viel länger als Andere. Deswegen ist das Versuchen, das an einer Stundenzahl pro Woche festzumachen, sehr, sehr schwierig. Zum Beispiel jemand, der ein Student ist, der wirklich nichts anderes macht außer studieren und der sich da vielleicht auch noch nichts mal wirklich gefordert fühlt, sind vielleicht 30 Stunden die Woche auch noch in Ordnung, während das bei einem Familienvater eine richtige Katastrophe wäre. Also da sollte schon so ein bisschen Vernunft dabei sein, wie viel ist zu viel eigentlich.

THOMAS: Wenn das Spiel praktisch immer mehr in den Lebensmittelpunkt rückt, dann wird’s langsam kritisch.

MONICA: Genau. Also wenn auch so Schwierigkeiten da sind, die Spieldauer zu kontrollieren. Also wenn einer sich an den Computer setzt und sagt, okay, ich zocke jetzt zwei Stunden und dann sind aber wieder acht Stunden rum, bis er wieder aufhört, das ist dann auch so eine Sache. Habe ich das noch unter Kontrolle oder kontrolliert es inzwischen mich. Oder auch zum Beispiel, wenn ich merke, okay, ich krieg jedes Mal wenn ich spiele, kriege ich Rückenschmerzen oder meine Augen brennen, also dass es schädliche Folgen hat und man aber nicht aufhören kann zu spielen, also man würde gerne darauf verzichten, aber man kann es nicht. Oder auch wenn ich andere Lebensbereiche, die Familie, die Arbeit, die sozialen Kontakte, wenn diese anderen Lebensbereiche darunter leiden. Oder auch wenn die wirtschaftliche Existenz gefährdet ist, zum Beispiel, weil man nicht mehr in der Lage ist einer geregelten Arbeitszeit nachzugehen. Wenn das Spielen Vorrang vor allem anderen bekommt. Wenn man eine Toleranzerhöhung hat, also dass man Anfangs zum Beispiel so dreimal die Woche spielt und dann spielt man viermal und fünfmal und irgendwann spielt man jeden Tag und nur noch. Also alles, was mit diesem Verlust der Kontrolle zusammen hängt. Also wenn ich das nicht mehr kontrollieren kann, dann ist es, glaube ich, gefährlich. Dann… Und es gibt inzwischen auch sehr, sehr viele Beratungsstellen, die mit diesem Thema sehr gut umgehen können. Also es ist da nicht schwierig, glaube ich auch, Unterstützung zu bekommen. Sollte man auch in Anspruch nehmen. Also egal ob die Eltern merken, okay, mein Kind, das ist zuviel. Ich glaub, dass das Gespräch suchen immer wichtig ist und zwar nicht versuchen, dass zu entreißen, sondern wirklich zu verstehen, was fehlt meinem Kind, was fehlt meinem Partner, was fehlt meinem Freund, was bräuchte er als Alternative dazu, also in diese Richtung eben ein Gespräch suchen und schauen, was geht und wenn nicht, dann eben auch die entsprechenden Beratungsstellen dafür aufsuchen.

THOMAS: Super. Genau darauf wollte ich noch hinaus. Auf die Beratungsstellen. Dann hast du es schon gesagt. Damit sich Leute irgendwo auch Rat, Unterstützung und Hilfe holen können. Kann man im Internet, glaube ich, finden, Beratungsstellen zum Thema Spielsucht.

MONICA: Genau. Es gibt unterschiedliche, also es gibt zum Beispiel die Erziehungsberatungsstellen, die auch mit dem Thema, glaube ich, zunehmend gut umgehen können und es gibt auch diese Suchtberatungsstellen in verschiedenen Städten und Ländern und dann kann man auch entsprechend gut Rat einholen.

THOMAS: Okay. Super. Jetzt zum Schluss noch, weil ich’s am Anfang nicht gesagt hab, ich hab das ja bei meinen treuen Hörern vorausgesetzt, dass es jeder weiß, aber wir sollten noch ganz kurz erklären, warum du auf diesem Feld so bewandert bist. Du schreibst eine Dissertation/Doktorarbeit gerade zum Thema Computerspiele.

MONICA: Genau. Also ich schreib …, also ich bin Psychologin, und schreib eben meine Arbeit zur Motivation von Computerspielen. Die nennt sich “Warum leben, wenn man stattdessen spielen kann?” Also es ist wirklich so eine Frage. Viele Leute treibt’s immer mehr vor das Spiel, dass sie sagen, okay, ich möchte das jetzt weiter machen und vernachlässigen ihr wirkliches Leben. Und sie haben aber nur dieses eine wirkliche Leben. Wenn sie beim Computerspiel eben ganz oft neu laden können und ganz viele Leben haben, wenn sie wollen und eben diese Frage hat mich dann umhergetrieben, warum das so sein kann. Genau. Jetzt bin ich ja eigentlich schon fertig mit der Arbeit und schreib momentan noch so die letzten Korrekturen, aber es geht in den nächsten Wochen in die Abgabe.

THOMAS: Super. Und mir hat diese Dissertation immerhin drei ganz, ganz tolle Interviews gebracht, unter anderem, zu einem Thema, was ich glaube ich ja, aktuell finde und hochspannend und hochinteressant. Vielen Dank.

MONICA: Genau. Es kommt noch ein Blog, …

THOMAS: Ja natürlich

MONICA: … wo ich dieses und ähnliche Themen diskutiere. Das wirst du sicherlich auch auf deiner Seite verlinken. Ich sag noch mal die Adresse. Das ist http://monimays.blogspot.com. Aber die Adresse ist bestimmt verlinkt.

THOMAS: Genau. Und da gibt’s dann noch mal alles nachzulesen.

Transkription: Vera Ihrig für www.LingQ.com

2 thoughts on “WWWW vom 31.8.2008? Machen Computerspiele süchtig?”

  1. Wie ist es denn mit dem qualitativen Veregleich der Bedürfnisbefriedigung von Computerspiel und realem Leben?

    Der ganze Punkt schien bei dem Interview zu sein, dass ein “socializer” im Altersheim ehrenamtlich arbeiten sollte, weil das sein Bedürfnis genauso stillt. ich kann mir aber vorstellen, dass ein Computerspiel solche Bedürfnisse einfach besser stillt.
    Ehrenamtlich zu arbeiten ist natürlich immernoch nett für die Gesellschaft und in der realen Welt angesiedelt, nur sollte doch jeder das tun, was ihm(ich spare mir das “/ihr”) am besten nutzt.

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