WWWW vom 7.9.2008:Phytochrome und eine neue Art der Riesenmuschel

Eine Arbeitsgruppe aus Pflanzenphysiologen und Strukturbiologen der Universitäten Gießen und Marburg ist einen wichtigen Schritt weitergekommen bei der Erforschung der Funktionsweise von so genannten Phytochromen. Dies zeigt eine Publikation in der renommierten US-amerikanischen Fachzeitschrift “Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America” (PNAS) unter dem Titel “The structure of a complete phytochrome sensory module in the Pr ground state”, die in diesen Tagen erscheint.
Das entdeckte Molekül sieht so aus:
Phytochrom

Wie lassen sich Entwicklungsverzögerungen bei Frühgeborenen bereits im Säuglingsalter feststellen und behandeln? Dieser Frage gehen Psychologen und Mediziner im neuen Babylabor des Universitätsklinikums Heidelberg nach.
Wer an der “Guck-Mal-Studie” teilnehmen will, hier der Kontakt:
Diplom-Psychologin Andrea Wittke und Dr. Dipl.-Psych. Gitta Reuner
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 39133 (zeitweise ist ein Anrufbeantworter geschaltet)

Wissenschaftler des Zentrums für Marine Tropenökologie (ZMT), der Universität Bremen und des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft haben zusammen mit philippinischen und jordanischen Kollegen eine bisher unbekannte Riesenmuschel entdeckt.
Riesenmuschel

Mit Antidepressiva behandelte Herzpatienten, die sich von einer Herzinfarkt-Vorstufe (“akutes Koronarsyndrom”) erholen, zeigten nach sechs Monaten eine signifikante Besserung der Depression und seltenere erneute Krankenhaus-Aufnahmen.

50-jährige Nichtraucher haben eine um etwa zehn Jahre längere Lebenserwartung als gleichaltrige Raucher. Zusätzliche Effekte können durch veränderte Ernährungsgewohnheiten und die medikamentöse Behandlung von Risikofaktoren wie erhöhte Blutdruck- und Cholesterinwerten erzielt werden.

Transkript:
Hallo und herzlich willkommen bei Wanhoffs wunderbarer Welt der Wissenschaft in der Ausgabe vom 7. September 2008. Die Sendung ist ein paar Tage vorproduziert. Bei mir ist es jetzt Mittwoch. Ich weile während die geneigte Hörerschaft die Sendung hört in Bangkok und bin gespannt, ob ich Bilder einer schönen asiatischen Metropole mache oder ob ich Bilder mache von irgendwelchen Panzern, die da auffahren. Wir werden mal sehen. Aber hier geht’s ja um Wissenschafts-Nachrichten.

Eine Arbeitsgruppe von Pflanzenphysiologen und Strukturbiologen der Universität Gießen hat sich beschäftigt mit sogenannten Phytochromen. Phytochrome sind Moleküle in Pflanzenzellen und auch bei bestimmten Bakterien, die für die Wahrnehmung von Licht zuständig sind. Sie sind sehr wichtig im Leben von Pflanzen, da sie die Keimung, das Wachstum der Sprosse, den Aufbau des Photosynthese-Apparats aber auch Reaktionen auf Schatten sowie die Einleitung der Blühphase steuern.

Bis vor einigen Jahren dachte man, das Phytochrome ausschließlich bei Pflanzen vorkämen, dann aber wurde in der Freien Universität Berlin entdeckt, das erste prokaryotische Phytochrom bei einer Art photosynthetischem Bakterium und zwar einer bestimmten Blaualgenart. Man hat sich damit dann weiter beschäftigt, wie funktioniert das Ganze, wie sieht das aus? Man hat dann sogenannte Cph1-Kristalle gebildet. Sinn war eine dreidimensionale Struktur des Ganzen zu bekommen, um damit zu sehen, wie denn die Atome in dem Molekül angeordnet sind.

Das ist mittlerweile passiert. Eine Arbeitsgruppe von Professor Lar-Oliver Essen in Marburg hat sich damit beschäftigt und konnte jetzt diese Moleküle so darstellen. Das heißt man weiß mehr darüber wie die Aufnahme von Licht einen Umbau eines Moleküls bewirken kann und wie dann eben auch die Biochemie der Zelle und schließlich die Physiologie der Pflanze fundamental verändert werden können.

Dieses Molekül besteht zunächst aus zwei ungleichen Kugeln, die durch einen langen spiralförmigen Stab verbunden sind. In einer der Kugeln befindet sich der Chlorophyll-ähnliche Farbstoff, womit das Licht aufgenommen wird. Die zweite Kugel trägt eine eigenartige “Zunge”, die den Kontakt mit der anderen Kugel herstellt. Die Forschergruppe vermutet, dass diese Zunge als empfindlicher Sensor für die licht-getriebenen Veränderungen im Molekül dient. Was genau dann passiert, das weiß man allerdings noch nicht. Und deswegen wird da jetzt fleißig weiter geforscht.

Ein Bild dieses Moleküls gibt es bei mir auf der Blog-Seite wissenschaft.wanhoff.de.

Wie lassen sich Entwicklungsverzögerungen bei Frühgeborenen bereits im Säuglingsalter feststellen und behandeln? Im Babylabor der Universität Heidelberg will man dieser Frage jetzt nachgehen. Die Experten dort wollen das Blickverhalten von früh geborenen mit dem von reif geborenen Säuglingen vergleichen und somit Hinweise auf geistige Entwicklungen bekommen.

Den Kindern werden Bilder und kurze Filme gezeigt oder Spielsachen angeboten. Kameras nehmen dann die Blicke der Babys auf und dann kann man eben anhand des Blickverhaltens erkennen, wie denn Aufmerksamkeits- und Denkprozesse verlaufen.
Frühgeborene fallen oft noch in der Schulzeit durch Lernaufmerksamkeits- und Gedächtnisschwächen auf. Eine Förderung kann dabei helfen. Geistige Entwicklungsstörungen werden jedoch, im Gegensatz zu motorischen Störungen oder spastischen Lähmungen erst sehr, sehr spät erkannt. Da ist es dann sehr aufwändig das Ganze auch wieder zu therapieren. Deshalb will man jetzt Tests verfeinern und Analysemethoden aus der Grundlagenforschung in die klinische Praxis übertragen.

Um damit noch besser zu werden, gibt es jetzt eine Studie, die heißt “Guck mal” und für diese Studie werden ab sofort sechs bis sieben Monate alte Babys gesucht. Sowohl solche, die zum normalen Zeitpunkt nach der 37. Schwangerschaftswoche geboren wurden, als auch zu früh Geborene.

Das Aufmerksamkeitsverhalten der Babys wird mit 7 und 11 Monaten im Babylabor dann untersucht. Mit 7 und 24 Monaten erfolgt ein Entwicklungstest. Das sind relativ einfache Aufgaben. Die dauern ungefähr eine Stunde. Darin eingeschlossen sind aber schon Pausen und die Eltern werden auf Wunsch auch über die Ergebnisse informiert. Wer sich dafür interessiert kann sich wenden an das Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Heidelberg, des Universitätsklinikums Heidelberg. Die Telefonnummer 06221 / 56 39 133. Die Daten gibt es auch noch mal bei mir auf der Webseite.

Forscher aus Bremen und vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung sowie des Zentrums für Marine Tropenökologie haben gemeinsam mit Forschern aus Jordanien eine neue Muschelart entdeckt. Eigentlich wollten sie eine ganz andere Muschel suchen, nämlich die Riesenmuschel Tridacna maxima. Die ist bei Aquarianern sehr beliebt und man wollte mal gucken, ob man die vielleicht züchten kann, weil dann eben Aquarianer besseren Zugriff haben und man die nicht aus dem Roten Meer holen muss, wo diese Riesenmuscheln nämlich leben. Und dabei ist eine Muschel aufgefallen, bei der man eben dachte, es sei eine dieser gesuchten Riesenmuscheln und die hatte aber einen etwas stärker gezackten Schalenrand. Dann hat man sich das Ganze mal ein bisschen genauer angeschaut und hat festgestellt, das ist wohl eine neue Art.

Der Molekulargenetiker Dr. Marc Kochzius von der Universität Bremen hat praktisch die letzte Gewissheit geschaffen. Er hat eine genetische Stammbaum-Analyse gemacht und damit beweisen können, dass es sich bei Tridacna costata um eine eigenständige Art handelt. Das ist damit die erste Neubeschreibung einer Riesenmuschel seit mehr als 20 Jahren. Man hat übrigens auch festgestellt, dass sie nur auf dem Dach tropischer Riffe im Roten Meer vorkommt und sich auch anders fortpflanzt.

Viel interessanter ist aber, dass diese Muschel nicht etwa neu ist, sondern dass es sie schon sehr, sehr lange gibt. Man hat Fossilien gefunden von dieser Muschel. Und man hat damit feststellen können, dass vor etwa 125.000 Jahren bis zu 80 Prozent der Muscheln in der Region dieser neu beschriebenen Art angehörten. Heute ist das grad mal ein Prozent.

Was ist passiert? Diese Muschel lebt festsitzend im flachen Wasser und war damit eine leichte Beute für die aus Afrika Richtung Mittelmeerraum auswandernden und sich verbreitenden Menschen. Die haben also diese Muschel praktisch überfischt und deshalb gab es dann einen sehr, sehr starken Rückgang und deswegen ist diese Muschel heute auch nicht mehr so verbreitet, wie sie das vielleicht vor 125.000 Jahren war. Zumindest glauben die Forscher damit eben ein sehr frühes Zeichen von einer Überfischung gefunden zu haben.
Wer wissen will, wie diese Muschel aussieht, bei mir auf der Webseite gibt es ein Foto von dieser Riesenmuschel.

Dann eine Meldung, die auf dem Kongress der European Society of Cardiology in München vorgestellt wurde. 50-jährige Nichtraucher haben eine um etwa zehn Jahre längere Lebenserwartung als gleichaltrige Raucher. Zusätzliche Effekte können durch veränderte Ernährungsgewohnheiten und die medikamentöse Behandlung von Risikofaktoren wie Blutdruck oder Cholesterinwerten erzielt werden. Erforscht wurde das Ganze in der sogenannten Whitehall-Studie. Da hat man von 1968 an ungefähr, 19.000 Londoner städtische Angestellte männlichen Geschlechts und mittleren Alters untersucht. Und diese Untersuchungen gibt es bis heute. Von den in den folgenden 35 Jahren 13.000 verstorbenen Studienteilnehmern, verstarb jeder Zweite an Gefäßerkrankungen.
Zu Beginn der Untersuchung betrug der Unterschied der Lebenserwartung von 50-jährigen Nichtrauchern gegenüber Rauchern noch 6,3 Jahre. Hatten Nichtraucher keine Risikofaktoren, betrug der Abstand sogar zehn Jahre.

Im Vergleich zu den Zahlen von 1970 verringerte sich die Sterblichkeit aufgrund von Gefäß-Krankheiten in den 1980er Jahren um 24 Prozent, in den 90er Jahren um 44 Prozent und zwischen 2000 und 2005 um 56 Prozent. Das heißt, die Verlängerung der Lebenserwartung ist in erster Linie erst mal Ausdruck veränderter Rauchgewohnheiten. Und damit ist klar, aufhören mit dem Rauchen und zwar sofort. Das hilft einfach länger zu leben.

Ich bin jetzt acht Jahre rauchfrei, glaube ich, ja, vor acht Jahren habe ich aufgehört zu rauchen – mit Hypnose. Wer da mehr wissen will drüber, kann mir gerne eine Email schicken. wanhoffs.wissenschaft(at)gmail.com oder einen Kommentar hinterlassen auf meiner Webseite wissenschaft.wanhoff.de

Zum Schluss noch mal eine Studie, die auf dem gleichen Kongress übrigens in München vorgestellt wurde. Dabei geht es um Antidepressiva, die Herzpatienten verabreicht wurden. Ist das nämlich passiert bei Herz-Patienten, die von einer Herzinfarkt-Vorstufe sich erholten, dann zeigte sich nach sechs Monaten eine signifikante Besserung der Depression und seltener erneute Krankenhaus-Aufnahmen. Das Ganze wurde ausgewertet in einer Meta-Analyse von insgesamt 3.454 Patienten aus acht Studien. Gemacht wurde es von Dr. Marianna Mazza aus Rom. Vorgestellt, wie gesagt, auf einem Kongress in München.
Die Behandlung mit Antidepressiva vom Typ der sogenannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer ist sicher, sagt sie und hat keine erkennbaren negativen Auswirkungen auf das Auftreten unerwünschter kardiovaskulärer Effekte.

Die Forscher glauben, dass die Ergebnisse schon deshalb bedeutsam sind, weil wohl bisher über die Unbedenklichkeit und Wirksamkeit einer antidepressiven Behandlung von Patienten mit Koronarsyndrom relativ wenig publiziert worden ist. Patienten mit Depressionen, die unter einer Angina Pectoris litten oder einen Herzinfarkt überstanden hatten, bekamen deshalb nur selten Antidepressiva. Und die neuen Daten legen nahe, dass eine geeignete antidepressive Behandlung bei Patienten mit Depressionen und nach einem Koronarsyndrom routinemäßig zumindest erwogen werden sollten.

Aktuelle Daten zeigen außerdem, so die Forscher, dass Depressionen ein wichtiger unabhängiger Risikofaktor für Patienten mit Herzkrankheiten sind und in einem Zusammenhang mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko stehen sollen.

Ich bin bei der …, bei solchen Studien mit Antidepressiva immer etwas vorsichtig, weil Antidepressiva durchaus ihren Nutzen haben können, also ich bin nicht gegen Antidepressiva, ich bin nur immer ein bisschen vorsichtig, wenn es solche Studien gibt, von denen ich nicht genau weiß, wer sie letztlich finanziert hat, weil natürlich die Pharma-Industrie sehr viele dieser Studien finanziert, sehr großes Interesse daran hat, Antidepressiva in Zusammenhang zu bringen mit anderen Erkrankungen. Das sei praktisch nur der Political Corectness halber gesagt. Das ich jetzt nicht nur einfach eine Pressemitteilung vorlese und sage, hm, da muss man immer ein bisschen aufpassen. Da gibt’s immer zwei Seiten. In dem Fall ein immer sehr, sehr starkes Interesse der Pharma-Industrie. Will aber der Frau Dr. Mazza da gar nichts unterstellen, sondern das jetzt einfach so stehen lassen, so.

Das war’s für heute. Vielen Dank fürs Zuhören. Wer wissen will, wie es mir in Bangkok ergangen ist, der kann das Lesen auf meinem Weblog: weblog.wanhoff.de. Das mal als privater Einschub. Wie immer vielen, vielen Dank übrigens an Vera Ihrig, die nämlich die Transkriptionen macht dieses Podcasts. Deswegen gibt’s das Ganze auch dann in zwei Tagen, denke ich mal spätestens, wieder zum Nachlesen. Vielen Dank fürs Zuhören, das war’s für heute, eine schöne Woche und Tschüss.

Transkription: Vera Ihrig für www.LingQ.com

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